Diplomaberkennung durch die TU Dresden durch den damaligen Rektor, Fritz Liebscher, und die Rehabilitation durch die TU Dresden im Jahre 2007

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Inzwischen entstand aus meinem Antrag auf Rehabilitierung ein Projekt an der TUD zum Gesamtkomplex der SED-Willkür gegen Studenten und Lehrkörper. Es zeigte sich, dass es weit mehr Betroffene gab als erwartet. Die unter der Federführung von Herrn Dr. Lienert, dem Leiter des TUD-Archivs, bisher zusammengestellte Dokumentation wurde inzwischen als Buch veröffentlicht: “Zwischen Widerstand und Repression”. Bisher hatte man sich überwiegend mit den Tätern - das gilt generell für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte - beschäftigt. Die Aufarbeitung aus der Sicht der Opfer war weit weniger Gegenstand der Projektarbeiten von Institutionen. Meinem Antrag vorausgegangen waren Hinweise von ehemaligen Kommilitonen, Mitgliedern des Lehrkörpers der TUD, der Fachhochschule Dresden und Freunden aus dem Bildungswesen in Sachsen über gefährliche Tendenzen in Politik und Öffentlichkeit der Verharmlosung: “.... so schlecht war es ja gar nicht in der DDR.” An dieser Geschichtsverfälschung - auch Umdeutung der DDR-Vergangenheit - wird von Personen, Verbänden, Gruppierungen und Mitgliedern der Linken (Partei) gearbeitet. Dem muß gegengesteuert werden. Diese Arbeit wird von der BStU, von den Gedenkstätten und letztendlich auch Einzelpersonen geleistet.

TUD Prof. Krocker ; TU Dresden
TU Dresden - Diplomaberkennung durch die TU Dresden
TU Dresden - Diplomaberkennung durch die TU Dresden
TU Dresden - Sektion Informationstechnik - Ein schwarzes Kapitel ....

Vorgeschichte

Im Sommer 19770 werde ich von meinem Arbeitgeber (WAB-Dresden) fristlos entlassen, da ich mich weigerte, meine Ausreiseanträge nach der Bundesrepublik (beginnend 1968) zurück zu nehmen. Es wird der Antrag an die TU Dresden auf Aberkennung meines akademischen Grades gestellt.

Der Text dieses Antrages wurde mir weder von der TU Dresden noch vom Antragsteller (WAB) ausgehändigt. Dieser Antrag ist auch aus den Unterlagen der TU verschwunden (Einsicht im Archiv der TU 2006) und er war auch nicht mehr bei den Personalunterlagen der WAB.

Am 3.9.1970 - wenige Tage vor dem Schreiben von Prof.Krocker - legt das MfS eine neue Vorbeugekartei über mich an.

Anmerkung: PA bedeutet Personalausweis. Ich hatte diesen zusammen mit meinem letzten von vielen Ausreiseanträgen an den Minister des Innern der DDR geschickt.

Am 15.8.1970 - also kurz vor dem Schreiben von Herrn Prof.Krocker - informiert die Dresdner Staatsanwaltschaft, vertreten durch Staatsanwalt Förster) den Generalstaatsanwalt der DDR über den Fall G.Knoblauch. Das Protokoll beinhaltet die Bewertung meiner politischen Einstellung.      Dabei wird auf den Tonbandmitschnitt des Gesprächs hingewiesen. Die Veranlassungen des Generalstaatsanwaltes sind derzeit noch nicht bekannt.

Am 12.10.1070 werde ich von Herrn Prof.Krocker erneut zu einer Stellungnahme aufgefordert (Dokument). Ich sehe jedoch keinerlei Veranlassung dazu, da mir der Antrag an die TU nicht bekannt gegeben wurde und auch die Aushändigung einer Kopie durch den WAB Dresden abgelehnt wurde.

Am 14.10.1970 werde ich durch Herrn Prof.Krocker schriftlich aufgefordert, am 22.10.1970 bei ihm in den Räumen der TU, im Barkhausenbau vorzusprechen. Dieses Gespräch fand statt. Die teilnehmenden Personen außer mir: Herr Prof.Krocker und Herr Kliemank (Parteisekretär der TU Dresden).

Aus diesem Gespräch resultiert der folgende Schriftsatz vom 1.11.1970 an Herrn Prof.Krocker

War mein Fall ein Präzedenzfall ?

Stand der Parteiapparat der SED dahinter?

Aus meinen Aufzeichnungen vom Gespräch, mit Prof. Krocker, Herrn Kliemank (Parteisekretär der TU), und mir

Kliemank:“ Was wollen Sie eigentlich ?”

Knoblauch:In einer Gesellschaftsform leben, wo ich ein gleichberechtigtes Mitglied bin ”

Kliemank:“ Und was ist das für eine Gesellschaftsform ?”

Knoblauch:“ In einer demokratischen Gesellschaft “. damit schien aber Herr Kliemank nichts anfangen zu können.

Kliemank:“ Also in einer kapitalistischen Gesellschaft”.

Knoblauch:“ Nein, in einer demokratischen Gesellschaft”.

Kliemank: “ Können Sie das näher erklären ?”

Knoblauch: “ Sagen wir: in einer sozialdemokratischen Gesellschaftsform “.

Kliemank:“ Also dann in einer bürgerlichen Gesellschaft ?”

Der Begriff Demokratie schien Kliemank anscheinend erhebliche Schwierigkeiten zu machen

Knoblauch: “ Meinetwegen, dann notieren Sie eben ‘in einer bürgerlichen Gesellschaft’ “   Und Kliemank notierte: ‘ Bürgerliche Gesellschaft’.

Kliemank:“ Eines können Sie gewiss sein, wir sehen uns wieder. Ganz bestimmt sehen wir uns wieder. Vielleicht erst in 10 Jahren, wenn ganz Deutschland sozialistisch ist. Aber dann werden wir uns auch die Leute ansehen, die uns damals verraten haben “.

Auffällig für mich: Herr Prof. Krocker sprach fast kein Wort. Ich hatte den Eindruck, er fühlte sich nicht wohl in seiner Rolle.

Nach dem 22.10.1970 gab es noch ein weiteres Gespräch unter 4 Augen zwischen Prof.Krocker und mir. Prof.Krocker: “ wenn Sie Ihren Ausreiseantrag zurück ziehen, ist die Aberkennung sofort von Tisch “.

Meine Antwort: “ Ich habe eine politische Entscheidung getroffen, darüber kann man nicht verhandeln ”.

 

TU Dresden - Ein schwarzes Kapitel der Geschichter der TU Dresden
TU Dresden - Prof. Krocker - Ein schwarzes Kapitel in der Geschichte der TU Dresden
TU Dresden - 1971  - Ein schwarzes  Kapitel

Allerdings kam es nicht zur Rückgabe der Verleihungsurkunde. Die Mitarbeiterin des Prüfungsamtes der TU Dresden (Frau Gelbrich - früher Sekretärin von Prof.Barkhausen) - als ausführende Dienststelle der TU - lehnte es ab, mir die Urkunde abzunehmen. Wörtlich:  ...diese Schweinereien machen wir nicht mit.

Herr Prof. Krocker gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die über die damaligen Ereignisse offen sprechen. Nur so kann Vergangenheit aufgearbeitet und der Charakter des damaligen Systems für die folgenden Generationen transparent gemacht werden.           Hier seine Erklärungen zu den Vorgängen von 1971 (leicht gekürzt).

19.11.2007

Sehr geehrter Herr Knoblauch !

Sie stellten mir in der zurückliegenden Zeit in Ihren Mails und anlässlich unserer persönlichen Aussprache eine Reihe von Fragen: Wie funktionierten die Mechanismen ? Wer ,welche Institution, welche Druckmittel, welche Ängste gab es ? Stand man als Professor in Ihrer Position allein auf weiter Flur? Was wäre passiert, wenn …?

Ich will mich bemühen einige Antworten zu geben, sage aber auch, dass dies nach 36 Jahren sehr schwierig ist . .......

 

Und nun zu dem Vorgang „Aberkennung des akademischen Grades“: Die Entscheidung für die Aberkennung lag nicht bei mir als Sektionsdirektor oder bei Herrn Kliemank als Parteisekretär, sondern in einer deutlich höheren Partei-Ebene. Da die Parteiorganisation des VEB-Wasserversorgung einer anderen Kreisleitung der SED angehörte und die TU eine eigene Kreisleitung hatte, schloß sich der Entscheidungsweg erst über die SED-Bezirksleitung Dresden. Auf Grund der strengen hierarchischen Strukturen innerhalb der SED kann dies nicht anders erfolgt sein.

Als Sektionsdirektor wurde ich von meinen Disziplinarvorgesetzten, dem Rektor (dies war 1971 Prof. Fritz Liebscher - Anm. G.K.), beauftragt, das Aberkennungsverfahren durchzuführen und im Sektionsrat einen entsprechenden Beschluss herbeizuführen. Der Sektionsrat mit etwa 30 Mitgliedern setzte sich wie folgt zusammen:           

- alle Hochschullehrer der Sektion                                            

- Vertreter von SED, FDGB, FDJ                                               

- Sekretär des Sektionsdirektors                                               

-Vertreter der Sektion Marxismus-Leninismus                                   - Vertreter der Praxis

 

Den Vorsitz hatte der Sektionsdirektor In Vorbereitung der entscheidenden Sitzung des Sektionsrates habe ich in Einzelgesprächen mit einigen Mitgliedern des Sektionsrates versucht, die Aberkennung zu verhindern oder Zeit zu gewinnen, da mir das moralische Unrecht des Verfahrens durchaus klar war. Es stellte sich schnell heraus, dass dies vergebliche Mühe war; die Würfel waren auf anderen Ebenen schon gefallen. Ich hätte mich persönlich dagegen stemmen können. Dazu fehlte mir die Kraft und der Mut. So kam es zu dem Beschluss des Sektionsrates am 15.3.1971 auf Aberkennung Ihres akademischen Grades „Dipl.-Ing „.

Sie stellen die Frage , was mir passiert wäre, wenn …Ich antworte nur: Einiges. Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich keine weiteren Spekulationen dazu anstellen möchte.              

Mit freundlichen Grüßen          Eberhard Krocker

 

 

20.12.2007

Sehr geehrter Herr Knoblauch !          

Ihre Mails vom 27.11. und 3.12.07 habe ich erhalten, und ich will versuchen, Ihre Fragen zu beantworten.........................  

Zum schriftlichen oder mündlichen Antrag der WAB : In meinem Schreiben vom 7.9.70 an Sie erwähne ich, dass WAB schriftlich den Antrag auf Aberkennung an die TUD gerichtet hat. Mit welcher Begründung ?   Dieser Antrag wird wohl nicht mehr existieren!

Zur Begründung der Aberkennung: In Vorbereitung der Sektionsratssitzung und zur Formulierung des Textes hat es Konsultationen von mir mit der Justizabteilung der TU gegeben. Wer den Text dann verfasst hat und wer ihn juristisch geprüft hat, weiß ich nicht mehr.

Mit der Übernahme dieser Mail auf Ihre Homepage bin ich einverstanden.

Mit freundlichen Grüßen  Eberhard Krocker

Anm. G.K. Wenn Prof. Krocker auch nur das Verfahren, d.h. den Auftrag von Rektor Liebscher, in Frage gestellt hätte, wäre ihm im Geringsten wohl die Professur und im schlimmsten Fall gekündigt worden. Ich verweise hierzu auf die Dokumentation “Dresdener Studenten im Spannungsfeld von Politik, Widerstand und Repression” von Dr. Lienert.

Ein Nachwort von mir

Wenn 30 Mitglieder das Rates der Sektion dem Antrag zustimmen, wenn sich nicht einer getraut, einen Vorbehalt anzumelden, wissend, dass es gesetzes- und verfassungswidrig ist, ist dies nicht ein vernichtendes Zeichen für ein politisch amoralisches System, das den Anspruch der Unfehlbarkeit (die Partei hat immer recht) zur Handlungsmaxime gemacht hat aber jeden Andersdenkenden zum Staatsfeind deklariert und gesellschaftlich ausgrenzt ?

37 Jahre später:

Ich hatte nicht erwartet, dass ich mich mit den Vorgängen von 1971 im Jahre 2007 würde befassen. Doch wenn es Strömungen in Politik und bei bestimmten Verbänden gibt, das Unrechtssystem des Staates DDR zu beschönigen oder anders zu interpretieren (siehe Schorlemmers Verständnis der DDR Zeit), so muß man dem entgegen halten und warnen: Wehret den Anfängen !

Rehabilitierung  durch die TU Dresden  2007